22. Juli 2009

Sonderbares!

Ja, hier folgt ein Augen- und Ohrenzeugenbericht oben aus dem Wald und es ist die gleiche Feder, die mir die Erzählung von meinem Weg überbrachte und auch die Geschichte von der Nixe.

- Ihr erinnert Euch?
Nun hier kommt die Erzählung von meinem Treffen mit dem Geist auf "Svenserum", erlauscht von feinen Ohren, erspäht mit klarem Auge und mit dem Wohlwollen des "Schwarzweissbraunen" und einem Gruss begleitet, damit ich unsere Gespräch besser in Erinnerung behalte...

Für den Unterwassergärtner,
der an Land gestiegen ist und wie zuvor im Korallenhaag den Nixen und Wassermännern eine Muschelbank, nun verschreckten Menschen eine Holzbank gebaut hat, was noch viel schwerer ist, weil sie eine Seele haben. Eine Bank, die er unter die von ihm gepflanzte Linde ins Blau gestellt hat, samt Spaten, Rechen, und dem angehefteten Zettel: „Fürs Pflegen und Düngen seid ihr selber verantwortlich, wenn ihr euch hier ausgeruht und erholt habt, macht’s gut! Aber ich habe die Hand darüber (und darunter, gegen das Fallen) gehalten und gebe jetzt schon ab.“


Sonderbar

... heute Nacht fehlte der Große Wagen eine Zeitlang am Himmel. Hoffentlich hat das die Astronomen nicht zu sehr beunruhigt. Aber sie waren wohl damit beschäftigt „den kleinen Schritt auf dem Mond, der ein großer Sprung für die Menschheit“ am 20. Juli vor 40 Jahren gewesen sein soll, zu feiern...

Lautlos landete der Große Wagen auf einer Lichtung in den schwedischen Wäldern vor einem kleinen roten Haus: mitten in der Nacht fiel aus allen Fenstern heller, warmer Lichtschein. Auch aus einem großen und einem halben Fenster an der Südseite. Und trotz der Windstille drehte sich in der lauen Sommernacht munter, eine kaum hörbare Melodie singend, ein Windrad, so rasch, dass es ein schneeweißer Kreis war. Am Rand der Lichtung schien ein Fest im Gange zu sein. Lampions leuchteten zwischen den Zweigen oder waren es Glühwürmchen? Leise Tanzmusik, Grillengeigen und Gläserklingen, Scherzen und Singen wehte herüber.
Zum kleinen Fenster auf der Südseite des Hauses strahlte ein Gesicht heraus.
„Wusst’ ich’s doch, dass du kommst!“
„Hausgeist, du lieber Schwarzweißbrauner – hast du mich wirklich erwartet?“
„Freilich, sollte das denn schwer zu erraten sein, du offenes Menschenbuch, wo die Wogen so hoch schlugen!“


Wie’s ging? Wer weiß... Sprang der Geist aus dem Fenster oder... Plötzlich war er neben mir, packte die Wagendeichsel und stellte den Großen Wagen hochkant neben meinen blanken Schubkarren, ein schönes Paar. Ein Fingerstrich durch das Windspiel am Stallgiebel, ein Streicheln für das Rotkehlchen auf der Schulter und der Schwarzbraune ergriff meine Hand. Sein strahlendes Lächeln erhellte immer zwei Schritte vor uns den Weg, damit ich nicht stolperte (denn hoppladihopp wie der Große Wagen mit mir losgefahren war, hatte ich keinen Rucksack packen und natürlich auch keine Taschenlampe einstecken können).

„Komm, setz dich, war die Luftfahrt gut über Land und Meer?“

Der Schwarzbraune wischte den Nachttau weg und wies zum Sitzen einladend neben sich auf die Bank.
„Du“, begann ich mit trockener Kehle... Er klopfte unter sich auf den alten Brunnen, ein silberner Strahl schoss hoch, ein Becher schob sich in meine Hand, das Wasser füllte ihn bis zum Rand, der Quell verschloss sich und ich trank, trank und der brennende Durst verging.
„Frisch, das Wasser von Svenserum?“
„Ja Hausgeist, so wie das altmodische Wort sagt: erquickend! Was meinst du, sollte ich den Brunnen wieder öffnen? Wie gerne würde ich die Quellnixe Amara sehen können. Verzeih den Rückfall ins Schwatzen, das Wasser trinken genügt ja... Und“, ich gab dem Schwarzbraunen den Becher zurück, „und, ich weiß plötzlich selbst schon die Antwort darauf, was ich dich fragen wollte.“

„So?“ Strahlend braun lachend kehrte mir der Hausgeist sein gütiges Gesicht zu. „Na, dann schieß mal los, ich geb’ meinen Senf dazu, wenn du dich vergaloppierst beim Versuch meine Gedanken lesen zu wollen! Denn ist schon ein gewagtes Unternehmen, meinst Du nicht, Gedanken lesen, schon bei Menschen und erst bei Geistern, aber lass’ hören...“

Es wurde ein Nachtgespräch mit wenig Worten, viel Schweigen. Ich versuchte mit dem Hausgeist meine Gedanken zu entwirren. In seiner ruhigen, gelassenen Gegenwart, nur unterbrochen manchmal von einem Lachen, war es plötzlich ganz leicht. Und er war einverstanden mit meiner Deutung: Da wurde also im weiten Blau des Netzes ein virtuelles „Svenserum“ gebaut. Eine Linde gepflanzt, die das ganze Jahr grünt. Eine Bank darunter gezimmert, die man nicht abschleifen und einölen, sondern deren Bretter jeder Besucher pflegen muss, damit sie alle lange tragen und nicht faulen.
„Bist du denn auch dort, Schwarzbraunweißer, bist zugleich der gute Lindengeist? Unterstützt du mich Hausherrn von hier beim Schaffen des Ruheorts dort? Kannst du dort und hier gleichzeitig sein?“
„Na, na, ich dachte, du hattest Antworten gefunden, und was tust du, fragen!“ Er gab mir einen freundschaftlichen Rippenstoß.


So erzählte ich, von der Enttäuschung, dass Vertrauen gebrochen wurde, dass Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklafften, dass Menschen nicht vollkommen sind, dass sie einander enttäuschen, verletzen, missverstehen, dass vieles unverständlich ist. Wurde ruhig dabei, erzählte, wie es mich freut, dass es im Schatten der Linde nun möglich ist, dass alle mit ihrem Standpunkt zu Wort kommen, dass sie einander vielleicht sogar zuhören, dass nicht mehr verdeckt werden muss, sondern offen ausgesprochen werden kann, was falsch war, es so sein Gift verliert...
„Weißt du Hausgeist, es kommt mir vor, als legten sie unter der Linde einen Komposthaufen an, alles wird dort abgeladen – zumindest die Chance besteht so, dass vielleicht Humus daraus wird...“
„Gemach, gemach, du kannst das gute Ergebnis nicht vorweg nehmen, es kann auch scheitern. Doch das ist egal, es ging ums Pflanzen und Zimmern“, sagte der Schwarzbraune leise, als ich Atem holen musste...

So hatte ich am Ende statt eines wirren Knäuels ein paar feste, gut gesponnenen Fäden in der Hand. Wir lauschten hinüber zum Fest am Lichtungsrand. „Ja“, erklärte der Hausgeist auf meinen fragenden Blick, „alle die du kennst und viele, die du nicht kennst, feiern heute Nacht, dass du Hausherr von hier den Geist von „Svenserum“ beherzt und kundig weitergetragen hast. Du hast den Auftrag verstanden, diesem freien Geist eine Heimstatt zu schaffen, die andere erfüllen können, und dann losgelassen... Heute Nacht ist das Gesetz ‚Fressen und gefressen werden‘ ein paar Stunden außer Kraft, Geister, Pflanzen, Tiere, sogar die Steine – hörst Du die tiefe alte Granitstimme unter uns? – feiern unbeschwert. So entsteht neuer Stoff für die Träume der Menschen, ein Krafthonig gegen die Alltagsbitternis, gewonnen aus den unsichtbaren Blüten der Sehnsuchtslinden...“
„Woher kommt Deine Kraft? Was ist Dein Geheimnis?“
Zart und nachdrücklich verschloss mir ein schwarzbraunweißer Finger die Lippen.

Ein scharfes Brennen blieb spürbar, als der Druck sich löste.

Der Schwarzbraunweiße schaute mich nachdenklich an, stand auf. Und führte mich zu zwei Bäumen neben dem Haus, die ganz sonderbar schimmerten und geheimnisvoll rauschten. „Der Wunschbaum und der Baum der Möglichkeiten – erinnerst du dich? Hierher habe ich dich vom Schiff manchmal im Traum entführt.“ Ich konnte nur stumm nicken. „Na, und was ich dir, dem Hausherrn von „Svenserum“, gewünscht und als goldene Nuss tief in den Laubschatten gehängt habe? Hat es sich nicht erfüllt?“
„Du weißt es doch Schwarzbraunweißer, du kannst ja in mir lesen, besser als ich selber“.
Ja, du hast die Goldnuss geknackt! Alles ist doppelt, ja dreifach in Erfüllung gegangen: Du bist am rechten Platz auf dem Schiff als Befehlshaber, am rechten Platz hier im Wald, uns in „Svenserum“ verbunden, aber nur durch den Seidenfaden, der nicht fesselt. Und du bist am rechten Platz zur rechten Zeit nun Gärtner, Zimmermann und Schreiber unter der Linde geworden! Ist es nicht gut so?“ Ich konnte nur noch einmal stumm nicken.

Der Hausgeist schaute mich an, drückte meine Hand, ließ sie los, seine Hände beschrieben einen Kreis, umfassten die Lichtung, strahlend braun lächelte er. Er löste sich auf, licht wurde die Lichtung unterm Nachthimmel, durchsichtig auf das Meer hin mit einem großen Schiff und einem winzigen daneben, durchsichtig auf den Horizont, und dort auf des Messers Schneide im weiß werdenden Blau, das sich glühend zu röten begann, eine Sonne über einer Linde, durchsummt von Worten und da, da, war das nicht eine strahlend braune Gestalt mit breitem Lachen im Gesicht und Schalks-Goldfünkchen in den Augen ..?

Im Fensterglas spiegelte sich kein Mond in dieser Nacht, im Schwarz glänzte der Große Wagen ...

Und vom verglimmenden Lagerfeuer, an dem Spunk und Kap Horn gesessen hatten, leuchtete ganz von fern ein letzter Schimmer Glut.



- Nicht mehr lange, ein Fest ist angesagt, und alle Lichter werden angezündet.



Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ach Kap Horn, du offenes Menschenbuch, du bringst mich zum weinen, vor lauter Seelenheil......mit deinem Schwarzbraunweissen...weisst du, so, therapeutisches schluchzen, könnte ich es nennen....

ich habe bemerkt, dass der grosse Wagen einen Augenblick lang fehlte, und dachte mir schon... dass da was im Gange ist....

Danke fürs erinnern, mit meinem Geist den Kontakt zu halten....

Cassiopeia

Anonym hat gesagt…

Ein warmes Danke - für alles, Kap Horn.
Es umärmelt Dich liebevoll
das Kamel

Spunk hat gesagt…

Wie gern würde ich jetzt etwas so geistreich-schöngeschwungenes hier hinterlassen, wie das, was ich gerade eben gelesen habe... völlig überrascht.

Aber es geht nicht... ich bin bis oben hin voll mit Ergriffenheit, mit einem ganz sanften, behutsamen Gefühl... die Tränen kullern mir aus den Augen, die Buchstaben verschwimmen...

Und so nehme ich mir (wenn ich darf) ein klitzeklein wenig vom letzten Schimmer der Glut mit, um mir dann und wann erneut ein Gedankenfeuer anzünden zu können, puste einmal vorsichtig im Weggehen unter das Windspiel am Stallgiebel, lausche den verklingenden Tönen und wandere weiter...

Danke für den Platz an diesem Ort
Spunk

Anonym hat gesagt…

Hi Du:-) war mal neugierig was Du so tust und sehe dein Schreiben ist wie immer wunderbar.-)
Ich denke es geht Dir gut und wünsche Dir das für alle Ewigkeit:-)
Liebe Grüße Marina

Maroni hat gesagt…

Kap Horn, deine Texte sind nicht sonderbar, sondern wunderbar!
Danke für die "Augenweide und Ohrenschmaus"...jetzt geh ich die erste Weintraube ernten!
Maroni