18. Juni 2011

Sommer

Es ist Mittsommer und ich sitze auf einer kleinen, bewaldeten Insel in der Schärenwelt an der Ostküste wo der ich als einziger mit meinem Segelbootchen angelegt habe.
Graue, regenschwere Wolken hängen tief, ich habe sogar lange Unterhosen an, sitze am Feuer und sehe meinen Atem.

- Das war wohl der kälteste und verregnetest Sommer den ich je erlebt habe. Vier Wochen lang Segelurlaub und vier Wochen lang täglich Regen und als der Winter kam, fühlte ich mich um einen Sommer betrogen.

- Aber wenn das Wetter es gut meint, dann ist der schwedische Sommer mit nichts zu vergleichen.
Die Seen sind warm und Baden wird im wahrsten Sinne des Wortes zum reinen Genuss.

- Der schwedische Sommer ist voller Erdbeeren mit Schlagsahne und Barfußlaufen durch taufrisches Gras. Er ist voller Vogelgesang und offenen Fenstern durch welche schon um drei Uhr morgens die Amsel ihr klares Lied hören lässt nach einer hellen Nacht in der sogar die Sterne bis zur Unsichtbarkeit verbleichen.
Die Tage erscheinen endlos und Mittsommer wird zum Fest, das selbst Weihnachten weit in den Schatten stellt.
Da gibt es frische Kartoffeln und eingelegte Heringe mit einem Schnaps dazu, es gibt „Jansons frestelse“ oder "Versuchung" , (Kartoffelauflauf mit Sahne und Anjouvis, ein Gedicht) und Bier und für viele mehr Schnaps dazu.

- Der schwedische Mittsommer ist Tanz um die laubbekränzte Mittsommerstange, Kinderlachen noch am späten Abend und Volksmusik. Aber auch noch immer eine Schlägerei wenn es zu viel der alkoholischen Getränke wird.

- Und doch, noch immer ist diese Nacht magisch, hat nichts von ihrer Faszination verloren. Noch immer pflücken Mädchen in der Nacht neun verschiedene Blumen und legen sie unter ihr Kissen um von ihrem Angehenden zu träumen und wer genau hinhört, der kann vielleicht sogar die Tiere sprechen hören.
Es ist aber auch eine Nacht vermischt mit Wehmut. Jetzt sinkt Tag für Tag die Sonne wieder. Erst geschieht es langsam und unmerklich, dann immer schneller und wahrnehmbarer.   

- Wer einmal eine solche Sommernacht in halbschattigem Wald verbracht hat, weit weg von allem was mit Menschen zu tun hat, weiß: diese Nacht ist voller Geheimnisse, voller Verheißungen und ein Bad in einem stillen See den kein Windhauch kräuselt ist ein Erlebnis, kraftvoll genug um auf Dauer einen Menschen zu prägen.


- An einem solchen Sommer weiß ich warum ich in Schweden bleibe und ferne Reiseziele keine Verlockung ausüben denn ich bin genau da wo ich hingehöre.


- Und  noch immer tanzen die Elfen mit einem Blumenkranz im Haar...

***


Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Gemäß der Beobachtung, die der Beitrag vom 4. Dezember 2010 beschreibt, ist die Jahreswaage gerade dieser Tage wieder im Stillstand, der Sommer hält im Zenit den Atem an vor dem sachten nächsten Neigen. Also vielleicht kein Zufall, der gerade jetzt ein Gedicht des Schweden Lars Gustafsson hergeweht hat, in dem er einfängt, wie noch dem heißesten Sommer die Winterahnung in den Knochen steckt.

"Dezember

Dezember war immer ein Monat,
in dem man eigentlich aufhörte zu sein.
Man wurde eine Parenthese im Dunkel,
mehr nicht.
Laternen wurden angezündet, Lampen und Kerzen.
Aber sie waren so offensichtlich
unzureichend
gegen die steigende Flut der Dunkelheit.
Leicht versteht man
eine ursprünglichere,
eine heidnische Weihnachtsbotschaft:
Mit Fackeln und Flammen um jeden Preis
ein Sonnenlicht zurückzuholen

dessen Wiederkehr sich nie von selbst verstand."
(Lars Gustafsson
im Band "Auszug aus Xanadu")

Das so "un-selbstverständliche" Licht fangen auch diese Beiträge - nicht nur Sonne und Holz, auch Wörter können leuchten und wärmen...

wie in zwei Tagen wieder

Johanni-Feuer
lachend springen und fliegen
hoch wie die Funken

Kap Horn hat gesagt…

Hej P.

So kann nur jemand schreiben, der den skandinvischen Winter "hautnah" erlebt hat.

Aber 26 mal ist die Sonne für mich dann doch wiedergekehrt!